NERVENSCHADEN
Nerven-Schaden

Ein Nervenschaden entsteht hauptsächlich traumatisch (= verletzungsbedingt) oder iatrogen (= durch ärztliche Einwirkung bei Diagnostik oder Therapie entstanden).

Ein Nervenschaden kann aber auch stoffwechselbedingt (z.B. Polyneuropathie bei Diabetes mellitus) sein oder durch eine Einengung innerhalb des Organismus (Kompressionssyndrome) entstehen.

Liegt ein Nerven-Schaden an peripheren (= außerhalb Gehirn/Rückenmark verlaufenden), sensiblen (= der Empfindung dienenden) Ner ven vor, so ist dieser fast immer mit Sch merzen verbunden.

Ein traumatische (= verletzungsbedingter) oder iatrogener (= durch ärztliche Einwirkung bei Diagnostik oder Therapie entstandener) Nervenschaden liegt der Kausalg ie zugrunde.

Nach der neueren Taxonomie (= Einteilung) der International Association for the Study of Pain wird die Ka usalgie als CR PS Typ II (c omplex regional pain sy ndrom = Komp lexes regionales Schmerzsy ndrom) bezeichnet. 
Die Bezeichnung "
Ka usalgie" für den Ner venschmerz hebt allein auf den damit verbundenen, typischen Brennschm erz ab, während C-R-P-S weitere Symptome mit einbezieht. 

Charakteristika für der Vorliegen eines komplexen regionalen Schmerzsyndroms Typ II:

  1. Nerven-Schaden infolge einer vorangegangenen Verletzung
  2. Ständiger, brennen der Sch merz
  3. Schmerzüberempfindlichkeit der Haut gegenüber mechanischen Reizen  ((Hypera lgesie bis hin zu Allodyn ie (= B erührungsschmerz))
  4. Der Sch merz ist nicht obligatorisch auf das Versorgungsgebiet des geschädigten Ner ven begrenzt
  5. Die regionalen Sch merz en gehen mit Störungen der Durchblutung und der Schweißsekretion einher. Es können auch Ödeme (= Schwellungen durch krankhafte Flüssigkeitsansammlungen) auftreten

Nach jedem Nervenschaden kann es zu Ner venschmerzen bzw. zu einer Ka usalgie kommen. 
Das Krankheitsbild ist charakterisiert durch qualvolle, glühend-brennen de Sch merz en der betroffenen Gl iedmaße, auslösbar oder verstärkt schon durch leiseste Ber ührung ((evtl. auch entfernter Körperstellen (Synaesthesalg ie)), durch optische oder akustische Reize, Trockenheit (Xerosalg ie), Wärme, Affekte oder bloße Schmerzvorstellung (Sympsychalg ie). Meist bestehen ferner Störungen der Durchblutung und der Hauttrophik (= Ernährungs-/Wachstumszustand der Haut). Die Schmerzauslösung schon durch geringe Berüh rung läßt an Triggermechanismen wie bei einer Neuralg ie denken. Die Schmerzausbreitung ist aber unabhängig vom Innervationsgebiet (= Versorgungsgebiet eines Ner ven), erfolgt evtl. auch auf die gegenseitige Gl iedmaße (Alloparalg ie).
 
Nicht selten wird die Ka usalgie (fälschlicherweise) als Neuralgie bezeichnet.

Medikamentöse Behandlung bei einem Nervenschaden:
Akut und subakut können bei einem schmerzhaften Nervenschaden zunächst (vorwiegend) peripher wirkende Analgetika (= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken) eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika (= Rheumamittel), aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B. Mobec®. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder Valdecoxib (Bextra®).  Manchmal sind aber die Schmerzzustände nur mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®) (= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende Schmerzmittel) beherrschbar. 
Sehr hilfreich ist bei einem Nervenschaden Carbamazepin (z.B. Tegretal®) oder Gabapentin (Neurontin®) (= Mittel zur Behandlung der Fallsucht, aber auch bei einem Nervenschaden wirksam).
Pyrimidinnukleoside (Keltican®N), ein Salzgemisch aus Uridin-5'-triphosphat-Trinatriumsalz.2H2O, Uridin-5'-diphosphat-Dinatriumsalz und Uridin-5'-monophos-phat-Dinatriumsalz, wirken den Folgen eines Nervenschaden s entgegen und können deshalb bei Ka usalgie versucht werden. 
Grundsätzlich sollte aber auch bei einem Nervenschaden eine längerfristige Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit vermieden werden. 
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden Antidepressiva (= Mittel gegen Depression, aber auch bei chronischen Schme rz en aufgrund eines Nervenschaden s hilfreich) (z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel einzusparen.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) bei Nervenschaden: 
Hilfreich sind wiederholte Blockaden (= Betäubungen) des betroffenen Nervs mit einem langwirkenden Betäubungsmittel, optimal kontinuierliche mit Katheter. Dabei wird ein dünner Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht "aufgeschnitten" werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. 
Das örtliche Betäubungsmittel wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. 
Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Ner ven betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung und damit Optimierung des lokalen (= örtlichen) Stoffwechsels resultiert (besonders wichtig bei einem Nervenschaden).

Physikalische Therapie bei einem Nervenschaden: 
Auch die Elektrostimulation kann eine Beschwerdelinderung herbeiführen. Die transkutane (= über die Haut verabreichte) Stimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS) hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die Elektroden werden möglichst nahe am Schmerzbereich aufgeklebt. Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die Wirkung optimiert werden. 
Nahezu unverzichtbar ist bei einem Nervenschaden eine funktionserhaltende heilgymnastische Therapie.

Andere Therapiemaßnahmen bei einem Nervenschaden: 
Der Vollständigkeit halber darf die Akupunktur nicht unerwähnt bleiben. 
Hypnoide Verfahren
wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson sind auch bei chronifizierten Sch merzen nach Schäden an Nerven im Rahmen einer psychologischen Mitbehandlung eine sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie, ebenso ein
Schmerzbewältigungstraining.

Bei längerfristig bestehenden chronischen Sch merz en, auch bei einem Nervenschaden, ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.


 

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